Im Sommer 2019 stellt Matze auf dem Gelände des Think! am Cospudener See in Leipzig die Zäune auf, die das Festivalgelände begrenzen sollen. Es ist keine idealistische Arbeit, das Festival ist ein kommerzielles Unternehmen und Matze ist hier wegen dem Geld, dass es zu verdienen gibt – viel ist es nicht. Die Arbeit ist monoton und gegen die Langeweile beginnt Matze zu notieren, was um ihn herum so gesprochen wird. Es sind Indizien einer proletarischen Zweckgemeinschaft. Es geht um Lösungsorientierung, Arbeitskleidung und die Mittagspause.

Im Herbst bin ich auf der IAA in Frankfurt und helfe, den Stand von Mercedes Benz mit aufzubauen. Es ist ein gut bezahlter Job mit netten Kollegen aber wir arbeiten 10 Wochen am Stück, 7 Tage die Woche, 10 Stunden pro Tag. 700 Stunden nur schlafen und malochen. Um mich abzulenken schreibe ich einige Kurzgeschichten, die lose auf meinen Erlebnissen in FFM basieren.

Zurück in Leipzig, machen Matze und ich uns an die Arbeit. Wir beginnen seine Fragmenten zu poetischen Collagen zusammenzusetzen. Ich finde auf meinem Handy ein Foto von der Baustelle in Frankfurt. Zu sehen ist ein provisorischer Galgen im Backstagebereich, über den schwere Kabel laufen. Der Galgen ist lieblos zusammengehauen und windet sich unter der Last der Kabel. Wir bauen fünf dieser Interimsarchitekturen im Atelier nach und drucken die Gedichte auf die Köpfe der ärmlichen Skulpturen.

Ich lese in diesen Tagen viel von Jörg Fauser. Zuerst natürlich Rohstoff und dann seine Gedichte aus der Diogenes Gesamtausgabe. Für Fauser war schreiben ein Job, die Arbeit eines Profis. Ich google seine Geschichte und finde ein kurzes Video auf YouTube. Jörg Fauser 1984 vor dem Literaturgerichtshof (Köhlmeier) in Klagenfurt. Deutscher Buchpreis. Weltliteratur in deutscher Sprache. Mit Fauser konnten die da nichts anfangen. Die deutsche Beat-Literatur Carl Weißners, Jürgen Ploogs und Fausers hatte die Straße längst erobert, bei den Eminenzen der deutschen Hochkultur war sie noch nicht angekommen. Die Arroganz, mit der Marcel Reich Ranicki Fausers Prosa kurzerhand den Status von Literatur aberkennt, ist in der Retrospektive das Ende einer Ära. Neben einer neuen Art zu Schreiben – ehrlich und Schmucklos und den Blick aufs vulgäre – ist es vor allem ein neuer Leser, der hier die Bühne der Literaturgeschichte betritt. Ich gucke den kurzen Clip wieder und wieder. Fausers Kopf ist rot, bald lila. Er regt sich nicht, nur ein kurzes Blinzeln. Er hört nur noch das Blut in seinen Ohren rauschen – Ranicki hört er längst nicht mehr. Er hat verstanden. Er gehört hier nicht her – Der Höhepunkt von Ranickis Verriss hallt noch bis heute durch die leergefegten heiligen Hallen der deutschen Literatur. Fauser hat ihn vermutlich nie gehört. Fauser, wie er da sitzt und sich nicht regt, ist beinahe identisch mit dem Protagonisten aus der einen Geschichte aus Frankfurt und ich montiere sie als Zwischentitel zusammen. Für die andere Geschichte finde ich eine kurze Sequenz von Madonna aus dem Film Body of Evidence. Ihr Blick ähnelt dem von Fauser und auch sie bleibt im Film unverstanden. Ausserdem ist der Clip eine Referenz auf den Erotikthriller als charakteristisches Genre der 1980er Jahre – ebenfalls ein Einbruch des Vulgären in das Dogma des Kulturerhabenen.

Die Arbeiten bilden einen Chor der Emanzipation. Die kleine Form erhebt sich über das nur aufgeblasene und lässt ihm die Luft raus. Wir entscheiden uns für den Titel Arbeit ist die wärmste Jacke (und gegen Die Pause ist kein Gummiband). Da steckt mit dem Frieren das Prekäre der entfremdeten Lohnarbeit ebenso drin, wie mit der Thermodynamik des Körpers ein Moment der Selbstermächtigung. Matze und ich gehen rüber zu Aral und holen uns ein paar Bier. Für heute haben wir genug gearbeitet.

In the summer of 2019, Matze erects the fences on the Think! site at Lake Cospuden in Leipzig, which will border the festival area. It is not idealistic work, the festival is a commercial enterprise and Matze is here for the money there is to earn – it ain’t much. The work is monotonous and against boredom Matze starts to write down what is spoken around him. These are indications of a proletarian joint venture. It’s about problem-solving, work clothes and the lunch break.

In the fall I’m at the IAA in Frankfurt and help to set up the Mercedes Benz booth. It is a well-paid job with nice colleagues but we work 10 weeks in a row, 7 days a week, 10 hours a day. 700 hours just sleeping and working. To distract myself, I write some short stories based loosely on my experiences in FFM.

Back in Leipzig, Matze and I get to work. We begin to assemble his fragments into poetic collages. I find a photo of the construction site in Frankfurt on my cell phone. You can see a temporary gallows in the backstage area, over which heavy cables run. The gallows is lovelessly beaten together and winds itself under the weight of the cables. We reconstruct five of these interim architectures in the studio and print the poems on the heads of the poor sculptures.

I read a lot from Jörg Fauser these days. First raw material, of course, and then his poems from the Diogenes Gesamtausgabe. For Fauser, writing was a job, the work of a professional. I google his story and find a short video on YouTube. Jörg Fauser 1984 before the court of literature (Köhlmeier) in Klagenfurt. German Book Prize. World literature in German language. They couldn’t do anything with Fauser. The German beat literature of Carl Weissner, Jürgen Ploog and Fauser had long since conquered the streets, but had not yet reached the eminences of German high culture. The arrogance with which Marcel Reich unceremoniously denies Ranicki Faust’s prose the status of literature is, in retrospective, the end of an era. In addition to a new way of writing – honest and unadorned and a view of the vulgar – it is above all a new reader who enters the stage of literary history here. I watch the short clip again and again. Fauser’s head is red, soon purple. He does not move, just a short blink. He only hears the blood rushing in his ears – he hasn’t heard Ranicki for a long time. He has understood. He doesn’t belong here – the climax of Ranicki’s ranting still echoes through the swept empty sacred halls of German literature to this day. Fauser probably never heard him. The way Fauser sits there and doesn’t move is almost identical to the protagonist in the one story from Frankfurt and I assemble them as intertitles. For the other story I find a short sequence of Madonna from the film Body of Evidence. Her gaze resembles that of Fauser and she too remains misunderstood in the film. Furthermore, the clip is a reference to the erotic thriller as a characteristic genre of the 1980s – also a break-in of the vulgar into the dogma of the cultural master.

The works form a choir of emancipation. The small form rises above the merely inflated and lets the air out of it. We decide on the title Labor is the warmest jacket (and against The break is not a rubber band). With the freezing, the precariousness of alienated wage labor is as much a part of it as with the thermodynamics of the body a moment of self-empowerment. Matze and I go over to Aral and get a few beers. We’ve worked enough for today.