Die Videoarbeit Schimmer verknüpft einen postdramatischen Text mit einer Videoperformance und kombiniert die Felder Film, Theater, Performance, Literatur und Theorie.

Bild, Text und Tonspur sind autonome Variationen auf das Motiv des Diskurses dreier Protagonistinnen und sind nur assoziativ miteinander verknüpft.

Im Bild sieht man drei Frauen in eine Diskussion vertieft. Aufmerksam folgen sie einander. Ihre Worte sind wichtig. Sorgfältig wählen sie sie und noch sorgfältiger hören sie den anderen zu. Es steht viel auf dem Spiel.

Die Bilder sind in starker Zeitlupe abgespielt, so kann der Betrachter ebenso aufmerksam jede noch so feine Regung verfolgen.

Der Ort des Gesprächs ist eine Bühne im Hausflur eins Wohnhauses. Dieser eigentümlich utopische Raum ist weder öffentlich noch privat.

Das Stück bleibt als Text erhalten und durchbricht in Zwischentiteln die Immersion der Bühne ebenso wie die nur mittelbare Verknüpfung des Textes mit Bild und Sound.

Schrilles Gitarrenfeedback nimmt Bezug auf die im Text vorkommende Metapher der Rückkopplung als ein Phänomen des Auftauchen des Betrachters in seiner Betrachtung.

Die permanente Emersion, das kontinuierliche Wiederauftauchen, markiert den Beobachter und macht die Erzählung abhängig von seiner Perspektive. So kann der visuelle Teil der Arbeit sowohl als Dokumentation einer Performance gelesen werden als auch als autonomer Film. Der Text des Stücks oszilliert zwischen dialogischen und sukzessiven monologischen Passagen mit mal mehr, mal weniger Distanz zu den Sprechenden und dem Geschehen auf der Bühne. Der dramatische Text nimmt diese zentrifugale Bewegung des Betrachters auf, indem er auch die Rollen des Stücks stufenweise aus ihrer eigenen Immersion auftauchen lässt. So verweist Rolle eins permanent auf die Historizität der Struktur ihres Diskursraumes, Rolle zwei stellt Klasse und Herkunft als wesentlichen Determinanten der möglichen Diskurse in den Vordergrund (seine Stimme klingt in der offensichtlich homogenen sozialen und kulturellen Herkunft der drei Frauen wieder) und Rolle drei sabotiert jede Einigung unter anderem mit dem Verweis auf die Triadomanie [1] postmoderner Theorie als Antagonist postmoderner Kontingenzbewältigung. Rolle drei erzählt auch die Geschichte vom Schimmer aus Alex Garlands Film „Auslöschung“.

In „Auslöschung“ führt Natalie Portman eine Gruppe Forscherinnen in eine extraterrestrische Anomalie, die auf einem Meteoriten auf die Erde gelangt. Den Schimmer, wie die Gruppe das Phänomen wegen seiner ölig schillernden Membran nennt, beschreibt eine von ihnen als Prisma, welches Licht- und Radiowellen ebenso bricht und streut wie das Erbgut unterschiedlicher Lebensformen. Darüber hinaus überwindet er alle nur erdenklichen Schranken der materiellen Welt und ihrer Rezeption. Wie in einem Acid-Trip offenbaren sich in diesem Raum der Irritation mit ihrem Verschwinden allerhand Grenzen, welche unsere sinnliche Wahrnehmung und unser Weltbild strukturieren.

Der Schimmer ist die Utopie eines Raumes, dem die Orientierung von Innen und Außen abhandenkommt. Er ist der Raum des Betrachters, des Dritten.

Am Ende des Gesprächs beginnt es von vorn und es wird deutlich, dass die Orientierung der emersiven Fliehkraft nicht von Dauer ist. Sie bietet keine Erlösung an, mundet stattdessen in einen endlosen Regress der Perspektiven und die Enttäuschung über die unbedingte sprachliche Determination des Handlungsraumes entfaltet ihr emanzipatorisches Potenzial.

The video work Schimmer links a post-dramatic text with a video performance and combines the fields of film, theater, performance, literature and theory.

Image, text and soundtrack are autonomous variations on the motif of the discourse of three protagonists and are only associatively linked.

The picture shows three women engaged in a discussion. They attentively follow each other. Their words are important. They choose them carefully and even more carefully they listen to the others. There is a lot at stake.

The pictures are played in strong slow motion, so the viewer can follow every movement, no matter how fine.

The place of conversation is a stage in the hallway of a residential building. This strangely utopian space is neither public nor private.

The piece remains as text and breaks through the immersion of the stage in intertitles as well as the only indirect connection of the text with image and sound.

Shrill guitar feedback refers to the metaphor of feedback that occurs in the text as a phenomenon of the viewer’s appearance in his contemplation.

The permanent emersion, the continuous reappearance, marks the observer and makes the narrative dependent on his perspective. Thus the visual part of the work can be read both as documentation of a performance and as an autonomous film. The text of the piece oscillates between dialogical and successive monologue passages with sometimes more, sometimes less distance to the speakers and the events on stage. The dramatic text takes up this centrifugal movement of the spectator by letting the roles of the piece gradually emerge from their own immersion. Thus role one permanently refers to the historicity of the structure of its discourse space, role two focuses on class and origin as essential determinants of possible discourses (his voice sounds again in the obviously homogeneous social and cultural background of the three women), and role three sabotages any agreement by, among other things, referring to the triadomania [1] of postmodern theory as the antagonist of postmodern contingency management. Rolle drei also tells the story of the glimmer from Alex Garland’s film „Extinction“.

In „Extinction“, Natalie Portman leads a group of female researchers into an extraterrestrial anomaly that arrives on earth on a meteorite. One of them describes the glimmer, as the group calls the phenomenon because of its oily iridescent membrane, as a prism, which refracts and scatters light and radio waves as well as the genetic material of different life forms. Furthermore, it overcomes all conceivable barriers of the material world and its reception. As in an acid trip, this space of irritation, with its disappearance, reveals all kinds of boundaries that structure our sensual perception and our view of the world.

The shimmer is the utopia of a space that loses the orientation of inside and outside. It is the space of the observer, of the third person.

At the end of the conversation it starts all over again and it becomes clear that the orientation of the emergent centrifugal force is not permanent. It does not offer any redemption, but instead flows into an endless regress of perspectives and the disappointment about the unconditional linguistic determination of the space of action unfolds its emancipatory potential.


[1] Pierce, Charles S.: Drei Argumente gegen den Vorwurf der Triadomanie, in: Zeitschrift für Semiotik.