Fauser / Body of Evidence

Groupshow „Arbeit ist die wärmste Jacke“
with Mathias Sommerer
2019 @ Bistro 21
two short stories over screenshots as videoloops

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Über die Dimensionen der Halle lassen sich von seinem Standpunkt aus nur sehr vage Spekulationen anstellen. Der völlig modulationslose Sopran der Belüftung projiziert einen enorm großen Raum auf die Innenseite seiner Stirn – ein Stadion vielleicht oder ein Theater.
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Müde ist er, vom Sitzen unendlich Müde und vom Ausharren an der ihm zugeteilten Position und unwiderstehlich saugt ihn das monotone Geräusch in die Weite, die sich vor ihm auftut. Die sonore Unruhe des Universums, sie entsteht nicht mehr im Raum auf den er schaut und in dem er sich mutmaßlich auch befindet, sondern ist ursprünglich zwischen, bzw. kurz hinter den leeren Höhlen seiner Augen. Wie lange er schon hier sitzt, erst wenige Minuten oder schon seit Stunden, kann er nicht mit Gewissheit sagen. Nicht einmal, ob es überhaupt eine Zeit gab, in der er nicht hier auf diesem Stuhl saß, die gelbe Warnweste an, seinen Rucksack neben sich mit den Stullen und dem Buch über C.G. Jung und seinen Blick auf die nicht enden wollenden Kaskaden von Emporen, Galerien und Balkonen gerichtet, die sich ihm gegenüber – und um ein Vielfaches verstärkt noch in seinem Verstand – ins Endlose ausdehnen. Wie lange die Anlage wohl arbeiten muss, bis auch das letzte Sauerstoffmolekül in den unfassbaren Weiten des Theaters einmal ihre Filter, Katalysatoren und Pumpen passiert hat, um an ihren Wärmetauschern ein wenig seiner nervösen Energie einzubüßen? Wie lange, bis dann endlich alle Teilchen ihr energetisches Defizit wieder an seinem Körper ausgeglichen haben und so weiter? Er holt das kleine Vademekum aus der Tasche und notiert am Rande des Kapitels über Materialismus: Die Anlage frisst unermüdlich meine Stullen Geblendet vom Licht nimmt er seine direkte Umgebung nur schemenhaft wahr und so ist das Bild seiner Warte ebenso unvollständig, wie das des Raumes. Irgendwo in der näheren Umgebung wird gearbeitet und wenn er die Augen zusammenkneift, ist er überzeugt, Menschen zu erkennen. Es fällt ihm schwer, seine bloße Anwesenheit, für die man ihn immerhin nicht schlecht Bezahlt, als Arbeit zu begreifen und so sehnt er sich nach einem Platz zwischen den Schatten die sein Gesichtsfeld durchzucken und deren asymmetrische Bewegungen ein wenig das hypnotische Potenzial des Geräuschs zu mildern imstande sind. Seit Tagen kann er nichts mehr denken, geschweige denn schreiben und tief in seinen sauren Eingeweiden kauert seine Libido wie ein angebräunter Apfelgriebsch und als Freudomarxist versteht er intuitiv den Zusammenhang. Die Lust zu schreiben und die Lust zu ficken, das ist ein und dasselbe. Man muss die eigene Geilheit kultivieren, kann sie instrumentalisieren und mit ihr haushalten. Zu viel ist nicht gut und zu wenig gleich gar nicht. Das Rauschen der Anlage – vielleicht ist es auch nur sein Blut, das ihm in den Kopf steigt und in den Ohren rauscht – es frisst ihm die Energie direkt aus Becken und Bauch. Dazu kommt der wenige Schlaf. Das Dopamin sediert ihn, nimmt seiner prekären Lage den Affekt und macht ihn zum seligen Chronisten seiner Misere. Es ist immer noch traurig aber es macht ihn nicht mehr traurig, was die Sache von außen betrachtet noch trauriger macht als sie ohnehin schon ist. Er versucht sich und den Betrachter wieder zu kalibrieren. Er sucht nach einer Unruhe, die durch das zähe Gallert hindurch seine tauben Nerven zu reizen vermag. Wo sind die Arbeiter hin? Er spürt ihre Gegenwart nicht mehr, also sucht er im Raum nach etwas Greifbarem. show less

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„Herr Vargas, was machen sie da?“ „Ich suche Gold, ich bohre nach Öl.“
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Ich würde gerne mitmachen, aber Herr Vargas ist ein so viel größerer Mann als ich es bin. Der Herr Vargas steht oben ohne, das Shirt um die Stirn gewickelt, auf der Frankenallee, in jeder Hand je einen kaputten schwarzen Schirm und ein Plakatträger aus Pappe und tanzt seinen Exorzismus. Er tanzt aber so was von nicht für mich. Ich stelle mir vor, er tanzt für mich. Herr Vargas heißt eigentlich Francesco und ist Schauspieler, aber die Show – er selbst will es als Show verstanden wissen, was komisch ist, weil es so viel eindringlicher ist als das, was wir aus Verlegenheit immer Shows nennen, obwohl es eigentlich Ausstellungen sind – seine Show also geht weit über mein begrenztes Verständnis schönen Spiels hinaus, ist so viel schöner als alles, was ich aus dem so vielfältig determinierten Raum der „Bühne“ kenne. Herr Vargas spielt nicht, er führt kein Spiel auf. Es klingt wie ein Allgemeinplatz und ist doch evident: das Leben spielt Herr Vargas. Herr Vargas ist nicht mehr Zurechnungsfähig, sein Spiel ist roh und voller Sex und Gewalt, er selbst bleibt dabei so sanft wie die Zuneigung selbst. Im Viertelstundentakt laufen 100ml Goldkrone in den Herrn Vargas hinein aber sein Spiel verrückt nicht. Es hat von Anfang an die infantile Energie eines Vollrauschs. Herr Vargas ist kompakt, eigentlich ist er klein. Ein am Straßenrand geparktes Motorrad, welches er zwischenzeitig wüst beschimpft, überragt ihn noch um einige Zentimeter. Aber er ist sehr kräftig. Herr Vargas ist ein richtiges Paket aber so rabiat sein Spiel auch sein mag, ist es nie beängstigend oder einschüchternd, sondern stets eine barmherzige Einladung. Im Zentrum seiner Bühne befindet sich ein kleiner runder Brunnen aus Beton. Er ähnelt dem Fundament der alten Erde, auf dem der König in Michael Endes Kinderbuch „Momo“ die Karte des Reichs im Maßstab 1:1 errichten ließ – eine perfekte Kopie der alten Welt also, deren Bau die Ressourcen der alten Welt restlos aufbrauchte und als Spur des Baus nur das Fundament hinterließ, auf dem jetzt die Karte lagert. Auf dem Rand des Sockels, dort wo er vor langer Zeit auf der alten Erde ruhte, hat Vargas mittlerweile aus den beiden Schirmen eine „Antenna“ oder wahlweise eine „Raketa“ gebaut und von Zeit zu Zeit scheint er sogar tatsächlich etwas zu empfangen. Leider kriegt er fast ausschließlich obszöne italienische Schlager rein und so kann ich dem ganzen nur sinnlich, nicht jedoch inhaltlich folgen. Dann brabbelt er mit der ganzen Bandbreite seiner Stimmmodulation als suche er noch nach der richtigen Phonetik für eine Sprache die er synchron generiert. „a bibbeli babbeli“ „a diddeli daddeli“ Die Show wird zusehends unabhängiger und nebenbei auch immer lauter. Herr Vargas nimmt weiter Fahrt auf und wenn er schreit, überschlägt sich seine Stimme. Seine Performance ist sichtlich bemüht, sich ihrer konkreten Verweise zu entledigen. Seine Bewegungen und die laute, die er von sich gibt, durchschreiten nach dem Verlust ihrer kommunikativen Aufgaben folgende Generation: Infantil, animalisch, mimetisch und schlussendlich völlig frei. Herr Vargas verkörpert Artauds existenzielle Symbiose aus dem im Spiel urst komischen tragischen Leben. Bei ihm ist das Leben, die Welt aus der ich ihn vermeintlich beobachte und seine Welt, in der er auf gar keinen Fall für mich spielt wie in einem Esher‘schen Vexierbild in einem endlosen Regress untrennbar miteinander verwoben ohne je eins zu sein. Die Welten oszillieren um- und ineinander, jedes Ende ist wieder ein Anfang, jeder Held sein eigener Antagonist und selbst ich bin nicht mehr Beobachter und selbst er ist nicht mehr nur die Show und das etymologische Inter Esse, der Raum zwischen uns für einen diskreten Augenblick ohne jede Ausdehnung verschwunden und ohne, dass die Sukzession seiner Worte sich in die Reaktion geflüchtet hätte, kehren die Referenten von der einen Sekunde auf die andere in seine Erzählung zurück, als hätte jemand klammheimlich hinter meinem Rücken die Requisiten wieder auf die Bühne des Verstandes geschoben. Umgekehrte visuelle Agnosie – das unmittelbare Auftauchen des Konkreten im Abstrakten. Auch ich bin zurück auf meiner Warte und der Raum zwischen uns ist eindeutig und mit einer eigenartigen Wachheit frage ich ihn: show less