Arbeit ist die wärmste Jacke I

Groupshow „Arbeit ist die wärmste Jacke“
with Mathias Sommerer
2019 @ Bistro 21
two short stories over screenshots as videoloops

 

„Herr Vargas, was machen sie da?“
„Ich suche Gold, ich bohre nach Öl.“

 

Ich würde gerne mitmachen, aber Herr Vargas ist ein so viel größerer Mann als ich es bin. Der Herr Vargas steht oben ohne, das Shirt um die Stirn gewickelt, auf der Frankenallee, in jeder Hand je einen kaputten schwarzen Schirm und ein Plakatträger aus Pappe und tanzt seinen Exorzismus. Er tanzt aber so was von nicht für mich. Ich stelle mir vor, er tanzt für mich. Herr Vargas heißt eigentlich Francesco und ist Schauspieler, aber die Show – er selbst will es als Show verstanden wissen, was komisch ist, weil es so viel eindringlicher ist als das, was wir aus Verlegenheit immer Shows nennen, obwohl es eigentlich Ausstellungen sind – seine Show also geht weit über mein begrenztes Verständnis schönen Spiels hinaus, ist so viel schöner als alles, was ich aus dem so vielfältig determinierten Raum der „Bühne“ kenne. Herr Vargas spielt nicht, er führt kein Spiel auf. Es klingt wie ein Allgemeinplatz und ist doch evident: das Leben spielt Herr Vargas. Herr Vargas ist nicht mehr Zurechnungsfähig, sein Spiel ist roh und voller Sex und Gewalt, er selbst bleibt dabei so sanft wie die Zuneigung selbst. Im Viertelstundentakt laufen 100ml Goldkrone in den Herrn Vargas hinein aber sein Spiel verrückt nicht. Es hat von Anfang an die infantile Energie eines Vollrauschs. Herr Vargas ist kompakt, eigentlich ist er klein. Ein am Straßenrand geparktes Motorrad, welches er zwischenzeitig wüst beschimpft, überragt ihn noch um einige Zentimeter. Aber er ist sehr kräftig. Herr Vargas ist ein richtiges Paket aber so rabiat sein Spiel auch sein mag, ist es nie beängstigend oder einschüchternd, sondern stets eine barmherzige Einladung. Im Zentrum seiner Bühne befindet sich ein kleiner runder Brunnen aus Beton. Er ähnelt dem Fundament der alten Erde, auf dem der König in Michael Endes Kinderbuch „Momo“ die Karte des Reichs im Maßstab 1:1 errichten ließ – eine perfekte Kopie der alten Welt also, deren Bau die Ressourcen der alten Welt restlos aufbrauchte und als Spur des Baus nur das Fundament hinterließ, auf dem jetzt die Karte lagert. Auf dem Rand des Sockels, dort wo er vor langer Zeit auf der alten Erde ruhte, hat Vargas mittlerweile aus den beiden Schirmen eine „Antenna“ oder wahlweise eine „Raketa“ gebaut und von Zeit zu Zeit scheint er sogar tatsächlich etwas zu empfangen. Leider kriegt er fast ausschließlich obszöne italienische Schlager rein und so kann ich dem ganzen nur sinnlich, nicht jedoch inhaltlich folgen. Dann brabbelt er mit der ganzen Bandbreite seiner Stimmmodulation als suche er noch nach der richtigen Phonetik für eine Sprache die er synchron generiert.

„a bibbeli babbeli“
„a diddeli daddeli“

Die Show wird zusehends unabhängiger und nebenbei auch immer lauter. Herr Vargas nimmt weiter Fahrt auf und wenn er schreit, überschlägt sich seine Stimme. Seine Performance ist sichtlich bemüht, sich ihrer konkreten Verweise zu entledigen. Seine Bewegungen und die laute, die er von sich gibt, durchschreiten nach dem Verlust ihrer kommunikativen Aufgaben folgende Generation: Infantil, animalisch, mimetisch und schlussendlich völlig frei. Herr Vargas verkörpert Artauds existenzielle Symbiose aus dem im Spiel urst komischen tragischen Leben. Bei ihm ist das Leben, die Welt aus der ich ihn vermeintlich beobachte und seine Welt, in der er auf gar keinen Fall für mich spielt wie in einem Esher‘schen Vexierbild in einem endlosen Regress untrennbar miteinander verwoben ohne je eins zu sein. Die Welten oszillieren um- und ineinander, jedes Ende ist wieder ein Anfang, jeder Held sein eigener Antagonist und selbst ich bin nicht mehr Beobachter und selbst er ist nicht mehr nur die Show und das etymologische Inter Esse, der Raum zwischen uns für einen diskreten Augenblick ohne jede Ausdehnung verschwunden und ohne, dass die Sukzession seiner Worte sich in die Reaktion geflüchtet hätte, kehren die Referenten von der einen Sekunde auf die andere in seine Erzählung zurück, als hätte jemand klammheimlich hinter meinem Rücken die Requisiten wieder auf die Bühne des Verstandes geschoben. Umgekehrte visuelle Agnosie – das unmittelbare Auftauchen des Konkreten im Abstrakten. Auch ich bin zurück auf meiner Warte und der Raum zwischen uns ist eindeutig und mit einer eigenartigen Wachheit frage ich ihn:

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Nico Curian is Der hohe Geschmack

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In the East I was born as the later of two children, in the reunited Germany I was brought up. My sister – almost 20 years older than me – grew up in another country, I sometimes think to myself, wondering if this is really true. After graduating from high school, I went to television like my father and learned how to compose a picture, how to set light, how to develop a story. And yet I obviously was no artist and that bothered me and so I began studying photography in Leipzig by the end of 2008.
The high taste is a structural critique of the literary field – its institutions and protagonists – regarding itself, the retrospective critique of the critic in view of the determination of his critique.
The high taste tells the contingent history and the stories of the places and protagonists of the literary field and its natural antagonist, „the street“. The subject is the spaces of irritation, that spatial potential for revealing the mechanics of social structures in the absence of clear instructions for action through space. These moments are rare and fleeting, their emancipatory content is immeasurable and their genesis is the concern of The High Taste.
The French „haut goût“ is a culinary term that describes the austere smell and taste of particularly ripe or overripe meat. The enjoyment of this high taste presupposes an equally high taste in the connoisseur, whose ability to enjoy is based above all on his special knowledge of the matter (French connaître: to know‘), and in turn legitimizes it. Pierre Bourdieu describes this connection between taste and image in his main work „The Fine Differences“ as well as the proverbial high taste as a distinguishing feature from individuals and groups with less cultural capital. Above all, the literary field, as Bourdieu calls the community of cultural workers and consumers, works on his most important Product – distinction.

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