Der hohe Geschmack

Die Geschichte vom Kuhturm

Groupshow „spatial return“
2015 @ project-space Zuständige Behörde
various installations

 

Conne hatte den Laden klargemacht. Wir waren hier Jahre vorher öfter mal feiern. Das waren schmutzige aber liebevolle Partys mit einer Menge Drogen. MDMA war damals fast obligatorisch und wir nahmen eh, was wir in die Finger bekamen, vor allem aber Ecstasy und Bier.

Na jedenfalls war der „Kuhturm“ – so nannten wir den Laden damals – dann irgendwann dicht und keiner kümmerte sich mehr so richtig darum. Das Haus stand von Anfang an leer und so fügten sich die blinden Scheiben des leeren Ladens neben einem zwielichtigen Juwelier und einer Tabledance-Schule in das Gesamtbild des Straßenzuges. Zwei jahre zogen ins Land und als Conne dann im Sommer 2015 mit den Schlüsseln ankam, hatte sich die Situation grundlegend geändert. Sämtliche Immobilien links und rechts des Ladengeschäfts waren verkauft und größtenteils renoviert und gegenüber überwuchs der Efeu unaufhaltsam die Erfahrung des bürgerlichen Widerstandes, gegen den sich der Neubau des Kauflands an dieser Stelle einmal durchsetzen musste. Die „Zuständige Behörde“, wie der Kuhturm in Wirklichkeit schon seit 2005 hieß, war damals in Stefan Riebels „Institut für alles Mögliche“ eingebunden. Stefan hatte mittlerweile eine solche Unmenge skurriler Orte in ganz Deutschland unter dem Label der institutionskritischen Institution zusammengescharrt, dass die Verwaltung einzelner Läden zum Teil hinten runterfiel und so waren wir dort von Beginn an völlig Vogelfrei. Das Haus war seit Jahren verkauft und der neue Mieter hatte den Dachboden aufwändig renovieren lassen. Dort oben richtete ich mir also mein erstes eigenes Atelier ein. Es war ein Geschenk, und wir rissen es auf wie ein Westpaket. Wir machten damals alle „irgendwas mit Raum oder irgendwas im Raum“, zahlten keine Miete und hatten den Laden mit seinen großen Schaufenstern die ganze Zeit zur Verfügung. Uns gefiel das Bild des Kunst-Schaukasten mit den dünnen Scheiben als filigrane Membran zwischen der Straße und der Kunst und so trennten wir uns als erstes von der Notwendigkeit einer Eröffnung. Im gesamten dritten Stock hatte sich infolge vieler Ausstellungen in den vergangenen 10 Jahren eine wahre Konzeptkunst-Müllhalde angesammelt, ein unerschöpflicher Materialfundus an… Zeug – nichts Brauchbares (weswegen es wohl hiergeblieben war) und davon sehr, sehr viel. Es war so eine Art rundenbasiertes Spiel ohne feste Regeln. Einer schleppte irgendwas runter und machte einen Haufen, der nächste putzte den Boden und wieder der nächste baute hier etwas an und dort etwas ab und hin und wieder übernachtete auch mal einer im Laden. Über Monate wuchs unser Diorama nach diesem call and response. Es sollte kindisch sein und das war es auch. Andi fing an völlig autistisch die Wände im Laden mit einem Winkelschleifer zu sezieren, ich baute mich quasi chronologisch durch den Dritten und Francis machte sich dran, einen der Räume vollständig mit Schweinefett und Grafit einzuschmieren. Es war eine Riesensauerei. Es war Sommer. Wir hatten einen großen Spaß aber irgendwann musste es vorbei sein. Der Laden sah erbärmlich aus. Wir hatten die Fenster mit Raufaser zugekleistert, die Tapete hing in Fetzen vom Glas und alles war mit Tags übersät. Im Juwelier nebenan war zweimal eingebrochen worden. Riebel hatte sich zurückgemeldet von… wo auch immer um uns mitzuteilen, dass der Vermieter uns jetzt endlich raushaben will. Er war wohl über den Zustand seiner Investition nicht besonders glücklich. Zuerst mussten wir das Dach räumen, dann den Laden und dann das Dritte. Wir haben in der Zeit ziemlich viel gesoffen und ich weiß nicht mehr, wie wir es angestellt haben, aber nach zwei Tagen war das Haus leer. Wir schlossen hinter uns ab und gaben Stefan die Schlüssel. Der hat den Laden mittlerweile aus seinem Portfolio genommen, der Juwelier hat aufgegeben, nebenan wird stoisch der Tanz an der Stange unterrichtet und ich mache wieder Bilder.

Unser phantastisches Gebrabbel im Kontrast zur besonders phantasielosen Grammatik dieses Ortes im Leipziger Westen erscheint mir im Rückblick als ein außerordentliches Privileg. Wir wollten im Kuhturm ja was zum Ausdruck bringen. Es ging um die Kontinuität zweier augenscheinlich hermetischer Räume. Es ging um das „inter esse“, welches im wörtlichen Sinne dazwischen ist und die vormals nur getrennten zu begehrten werden lässt. Es wurde ein überheblicher, schamloser Gegenhaushalt zu den freudlosen Ökonomien auf der anderen Seite der Glasscheibe. Manchmal fühle ich mich schuldig und denke, wir hätten es viel wilder treiben müssen. Wir waren uns unserer Verantwortung vielleicht zu bewusst, denke ich jetzt. Zu viele Wände – innere wie äußere – die unberührt blieben, die Versenkung zu ernst, der Spaß zu umsichtig. Hemmungen abbauen braucht Zeit und wir hatten… vielleicht nicht genügend… Zeit.

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