Komische Körper

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Groupshow „Preview“
2019 @ Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
stories and photos
direct-UV-Print on two mdf-boards
280 cm x 350 cm

 

Ich trinke gerne Ouzo aber das Zeug macht schlimme Kopfschmerzen. Mir ist schlecht und ich sehne mich nach frischer Luft. Linda steckt unsere nächtlichen Streifzüge besser weg, sie ist aber auch sechs Jahre jünger. Ich beneide sie.

Ich bin mittlerweile 33 und der irreversible körperliche Regress hat zweifellos längst begonnen. Dabei haben wir beide gar nicht so viel getrunken. Mein Hals ist trocken und ich habe Durst. Ich würge eine Ibuprofen ohne Wasser runter und bereue es auf der Stelle.

Die Temperatur im Gebäude beträgt aus konservatorischen Gründen das ganze Jahr über exakt 23 °C – krasser könnte der Unterschied nicht ausfallen. Das Museum ist in Grundfläche und Ausrichtung dem Parthenon auf der Akropolis nachempfunden, welche man von hier aus gut überschauen kann. Nervös flimmert die Luft über der gleißenden Scherbe im Zentrum des Tafelbergs. Auf der Akropolis schwitzt man nicht, weil der Schweiß auf der Haut unvermittelt vom hellen Kalk gebunden wird. Ein leichter aber steter sengender Aufwind zeugt von der drastischen Erwärmung der Luft über dem speckigen Stein. Das Licht ist noch einmal heller und härter als es in diesen Breiten eh schon der Fall ist. Hitze, Licht und Trockenheit sind elementarer Bestandteil der Erfahrung dieses surrealen Ortes.

Ich gehe auf die Toilette, nehme noch zwei Aspirin und spüle sie mit Leitungswasser hinunter. Das Wasser schmeckt hier nicht besser oder schlechter als sonst in Athen und wie das Klima die Gedanken an den Tempelberg prägt, gehören die futuristischen Toiletten des Museumsneubaus sicher ebenso zum Erlebnis dieses Raums.

Meine Kopfschmerzen werden nicht weniger. Ich hätte die Tabletten eher nehmen sollen. Außerdem ist mir schlecht und mein Kreislauf spielt verrückt. Im Obergeschoss des Museums versucht ein Archäologe mit zwei Mitarbeitern ein Stück Marmor, etwa so groß wie ein Kopf, in eine freie Stelle im Fries einzupassen. Der Stein sieht unbedeutend aus aber die Wissenschaftler messen ihm höchste Aufmerksamkeit bei. Immer wieder und unermüdlich und mit höchster Sorgfalt nehmen sie den Stein, legen ihn in eine Mulde oder Kuhle, vermessen hier und dort etwas, legen den Stein zurück, messen, besprechen sich untereinander, legen den Stein wieder an einer anderen Aushöhlung ab, messen, schauen, besprechen und so weiter. Guter Job denke ich und muss unwillkürlich an den Pergamonaltar und den Aufbau von Cyprien Gaillards Bierpyramide in den Kunst-Werken in Berlin denken.

Life in the Museum is like making love in a cemetery.

Die Kopfschmerzen werden weniger aber mir ist weiterhin schlecht und mein Kreislauf plagt mich trotz oder wegen des hyperharmonischen Klimas. Ich schieße ein paar Fotos von den Besuchern und frage mich ob sie sich wohl wirklich mehr für die alten Steine interessieren als für die Synthetik des Ortes ihrer Repräsentation.

Die fehlende Aufmerksamkeit für die Kontinuität der Räume erinnert mich an eine Erfahrung vom Vortag. Linda und ich waren im neuen Museum für Gegenwartskunst auf der anderen Seite der Akropolis. Das ehemalige Brauereigebäude sollte durch ein Parkhaus ersetzt werden, wurde von einer Bürgerinitiative vorm Abriss bewahrt und unter der Bedingung der kulturellen Nutzung im Jahr 2000 dem Staat überantwortet. Zur Zeit gehört es zu den Hauptveranstaltungsorten der Dokumenta 14. Von der Terrasse des EMST aus hat man ebenfalls einen guten Blick auf den Parthenon. Wenn man unachtsam ist, entgeht einem unter Umständen das Graffito, das jemand auf das Dachgeschoss der Investmentruine im Vordergrund gesprüht hat. In mannshohen Versalien und so, dass man es nur aus dieser Perspektive vom Balkon des Museums aus lesen kann, steht dort:

WELCOME AND ENJOY THE RUINS

Meine Übelkeit lässt langsam nach, aber mir gelingen einfach keine guten Fotos. Trotz der nahtlosen Fensterfront ist das Licht im Museum ein wenig zu weich und die Räume alle etwas zu dunkel. Alle Bilder werden flau oder verwackeln. Ich hole Linda und wir machen uns auf den Weg. Morgen Nachmittag geht unser Flieger zurück nach Berlin. Wir verlassen das Museum, ich hole mir an einem Kiosk Bier und Kippen und wir machen uns auf die Suche nach der nächsten Ouzeri.

In der folgenden Nacht habe ich einen merkwürdigen Traum

Akustische Schwingungen erreichen das Ohr nach weni-gen Metern oder nach mehreren Kilometern, nach hunderten Passagen zwischen den hohen Wänden, begehen auf ihrem Weg tausende male Inzest, vermählen sich mit sich selbst und mit ihren Nachkommen und so fort, vermählen sich auch mit anderen Hyperbeln, Asymptoten und Tangenten und noch vor der millionsten Passage der Schneckengänge ist nicht die mindeste Verringerung ihrer Libido zu vernehmen. Und wie sich die Töne im Raum unentwegt fortpflanzen, so gehen auch Körper und Raum in ihrem Schallen eine dauernde, heftige Liaison ein. Alle Teile des Raums sind scharf voneinander getrennt. Der schnurgerade Boden hält den Füßen seine feste Versiegelung entgegen. Aus der akkurat von den hohen Wänden isolierten Decke läuft zart irisierendes Licht. Die Luft ist sauber und angenehm kühl und lässt sich leicht atmen. Außerdem ist sie völlig geruchlos. Luft und Licht umströmen den Körper so unwirklich wie das Wasser in einem Samadhi-Becken. Die Temperatur von Licht, Luft und Körper sind einander gleich. Die Teilchen in und um den Körper schwingen mit derselben Wellenlänge und obgleich dieser homogenisierte Ether dem Konsumenten gilt und nicht etwa dem Leib des Subjekts, büßt der Körper seine Gravitation ein, wird von diesem Akasha mitgerissen und weit in den Raum hineingetragen. Reine Quintessenz saugt das Selbst, gleich einem Vakuum, ohne weiteres durch die feine Membran des Leibes. Der Raum erwirkt eine diskrete Gegenwart. Sir Arthur C. Clarke und Stanley Kubrick haben ihren prometheisch-luziferischen Monolithen als Antagonismus dieses Raumes entworfen, um seiner stillen Emission Schwerkraft entgegenzuhalten.

Weiter hinten im Raum sitzen Drei auf einer Bühne und erläutern die Möglichkeit einer Karte.

Eins […] Den Worten Prousts, Ernauxs und Cartarescus entspringen die perlmutternen Orbitale möglicher und unmöglicher Texte. Sie vermessen den Körper gegen den Raum, erstellen ein Register der illegitimen Bewegungen, ein latentes Bild seiner unmöglichen Texte, dessen Umkehr den Handlungsrahmen des Raumes beschreibt.

Zwei In Alex Garlands Verfilmung von Jeff VanderMeers Roman Auslöschung führt Natalie Portman eine Gruppe Forscherinnen in eine extraterrestrische Anomalie, die auf einem Meteoriten auf die Erde gelangt. Der Schimmer, wie die Gruppe das Phänomen wegen seiner ölig schillernden Membran nennt, beschreibt eine von ihnen als Prisma, welches Licht- und Radiowellen ebenso bricht und streut wie das Erbgut unterschiedlicher Lebensformen. Darüber hinaus überwindet es alle nur erdenklichen Schranken der materiellen Welt und ihrer Rezeption. Wie in einem Acid-Trip offenbaren sich in diesem Raum der Irritation in ihrem Verschwinden allerhand Grenzen, welche unsere sinnliche Wahrnehmung und unser Weltbild strukturieren. In den Siebzigern gab es – parallel zur Erschließung der bewusstseinserweiternden Wirkung von LSD durch die Hippiebewegung – in Westeuropa eine Subkultur, die sich im Lesen und Verfassen ausgesprochen hermetischer Texte zu dieser luziden Unschärfe bekannte. Jene literarische Kultur beschrieb die Moderne als Krise der ambivalenten Erzählung. Den Traumata des 20 Jh. begegneten sie mit einer ausgesprochen fatalistischen Perspektive. Das Leben ist lang und trostlos und unmögliche Texte bleiben unmögliche Texte. Doch: erst paradox, dann unwiderstehlich evident – die wörtliche Enttäuschung über die Kontingenz der Texte ist ihre emanzipatorische Geste. Solange der Text ihm widersteht, wird der Leser auf der Suche nach dem Zugang zum Autor, also vom Konsumenten zum Kreativen, und verschiebt bei jeder Lektüre ein wenig die Grenze zugunsten möglicher Texte. Diese Haltung ist auf Dauer toxisch und steht im Konflikt mit dem ebenso notwendigen Wunsch, doch noch zum Kern des Textes vorzudringen. Sie erfordert die Korrektur des aufklärerischen Paradigmas zugunsten einer Affirmation der Abschweifung. Dieses posthistorische Paradigma der Digression entzündet das empfindliche Häutchen zwischen Text und Kontext — in der Folge nur mehr die vorübergehende Fixierung wechselseitig aufeinander sich beziehender Texte.

Drei Gegenstand dieses archaischen Textes ist der komische Körper, seine äußere Wirklichkeit anstatt innerer Wahrheiten in der Darstellung tragischer Körper. Dieser Text beschreibt den Körper im Affekt, motorisch unentschieden, inmitten der Erneuerung, außerhalb kinetischer Kulminationspunkte. Er erzählt nicht vom bewegten Gemüt, sondern vom (gemüts-) bewegten Körper. Diese beiden Modi der Repräsentation von Bewegung finden wir wieder bei Deleuze, wenn er Bergsons Thesen zur Bewegung rekapituliert. Demzufolge muss der Begriff die Bewegung zerteilen, um sie zu fassen. Die Antike und die Moderne unterscheiden sich durch zwei grundlegend unterschiedene Methoden dieser Teilung und beiden Wahrnehmungsmodi entgeht dabei die eigentliche Bewegung, unabhängig davon, ob nun die Bewegung wie in der Antike in wesentliche, heterogene Posen, oder wie in der Moderne in beliebige homogene Schnitte unterteilt wird. Wirkliche Bewegung ist kontinuierlich und rekonstruierte Bewegung ist immer diskret. Literarische Bewegung ist also immer falsche Bewegung und der tragische Körper unterscheidet sich von seinem komischen Gegenstück erst dadurch, dass er seine Bewegung vertikal organisiert, als fixiertes Verhältnis von Text und Kontext, anstatt als horizontale Sukzession homogener Texte. […]

In der Mitte des Raums und von den Rednern unbemerkt, steht ein länglicher, schwarzer Tisch. Auf dem Tisch liegen in gleichmäßigen Abständen fünf Bücher.

Bachtin, Michail Literatur und Karneval : zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt am Main: Fischer, 1990
Butler, Judith ; Spivak, Gayatri Chakravorty Sprache, Politik, Zugehörigkeit. 1. Auflage. Berlin: Diaphanes, 2007
Cartarescu, Mircea Europa hat die Form meines Gehirns, Texte zu Kultur und Literatur; 1. Auflage, Merz & Solitude, 2007
Wolfe, Tom The Electric Kool-Aid Acid Test; New York, Farrar, Straus and Giroux, 2008
Crimp, Douglas ; Lawler, Louise Über die Ruinen des Museums. Gordon & Breach Publishing Group, 1996